Wenn ich ein Mafflie wäre, würde ich „Kürbissuppe“ heißen – Interview mit Cally Stronk

#ichlesevor – Tipps vom Profi: Interview mit Cally Stronk

Es ist soweit, endlich ist der 18.11. – Bundesweiter Vorlesetag! und in diesem Jahr habe ich dazu eine ganz besondere Überraschung für Euch. Die wunderbare Cally Stronk, Autorin der Giraffenaffen, der Mafflies und vieler mehr, hat mir ein Interview zum Thema Vorlesen gegeben. Warum ich von den vielen Autorinnen gerade diese gefragt habe? Zum einen lieben wir die Mafflies. Meine Tochter erklärt man immer mal wieder, wie sie jetzt gerade heißen würde. Die Mafflies werden nämlich nach ihrem liebsten Lieblingsessen benannt. Als wir das Buch erstmals lasen, hieß Flummi „Schokopudding“, im Herbst immer Kürbissuppe. Und wie wäre Euer Mafflie-Name?
Das ist aber nicht allein der Grund, warum ich so begeistert bin, dass Cally bereit war für meinen Blog ein paar Fragen zu beantworten. Diese Frau kann vorlesen! Kostprobe? Dann schaut mal diese Ausschnitte aus ihren Lesungen an.
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Genug, der Einleitung – Hier kommen meine Fragen!
Ich wüsste gern, wie sich das Vorlesen Deiner eigenen Texte für Dich anfühlt. 
 
Ich lese am Liebsten Geschichten, die ich selbst geschrieben habe. Da weiß ich genau, was wie gemeint ist. 
Ich kenne jede Nuance im Text, jede klitzekleine ironische Bemerkung, die ein Vorleser vielleicht überlesen würde … 
Nach so vielen Lesungen kann ich meinen Mafflies-Text fast auswendig. Er kommt komplett alleine aus mir raus. Das ist toll. Dann merke ich, das Buch und ich – wir gehören zusammen.
Zudem hat jede Figur ihre eigene Stimme. Ich liebe es, bei den Giraffenaffen ganz tief wie Wolfram der Wal zu brummen und bei den Mafflies mit einer quäkigen Radieschenstimme zu singen.
Gerade diese Abwechslung macht das Vorlesen spannend.
 
 Welches Feedback bekommst Du von den Kindern? 
 
Ich bekomme ein unglaublich tolles Feedback. Die Kinder lachen an den richtigen Stellen und wollen unbedingt wissen, wie es weiter geht.
Teilweise rufen die Eltern nachher bei der Bibliothek oder bei der Lehrerin an und fragen nach, wie das Buch hieß, aus dem ich vorgelesen habe.
Oder sie schreiben mir bei Facebook, dass es toll war und die Kinder tagelang noch den Maffliessong singen, den wir bei meiner Lesung gemeinsam performen.
Es ist mir wichtig, dass die Lesung abwechslungsreich ist. Wenn ich meine Ukulele aus dem Koffer hole, rufen die meisten Kinder: „Ohhhh, eine kleine Gitarre!“ oder: „Ohhhh, eine Geige!“
Manchmal wissen sie auch, dass es eine Ukulele ist. Da freue ich mich. So ganz nebenbei dürfen die Kinder nämlich auch was lernen bei meinen Lesungen. 
Aber im Vordergrund steht der Spaß, das Lernen passiert dann ganz automatisch.
 
Allerdings gibt es auch ernste Momente in meinen Lesungen. Wenn ich die Kinder frage, wer das kennt mit einem neuen Bruder oder einer neuen Schwester,dann gehen die Hände hoch und die Kinder berichten mir von den Schwierigkeiten bei sich zuhause. Das Thema Patchworkfamilie ist sehr aktuell. 
An dieser Stelle erkläre ich, dass es unterschiedliche Regeln in den Familien gibt und das natürlich oft für Streit sorgt. Wenn man das weiß, kann man vielleicht ein klitzekleines bisschen besser damit umgehen.
Gut, dass wir in der nächsten Szene wieder zusammen lachen können.
 
Feedback von Martha (5 Jahre):
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 Gibt es einen „wundertollsten Zaubermoment“ bei der Arbeit mit Gruppen? 
 Einen wundertollsten Zaubermoment habe ich letztens auf dem Familienfest der Deutschen Schlaganfallhilfe erlebt.
Ich war eingeladen, Kindern, die einen Schlaganfall hatten, und ihren Geschwisterkindern aus meinen Büchern vorzulesen.
Das war besonders besonders. Jedes Kind war so einzigartig und es gab auch irgendwie immer ein richtiges Buch für jedes Kind.
Als ich am zweiten Tag der Veranstaltung den Raum betrat, in dem die Vorlesewelt stattfand, sah mich eines der Kinder, sprang auf, schnappte sich das Giraffenaffenbuch und lief mir strahlend entgegen.
Ich setzte mich also hin und begann ihm vorzulesen. Immer mehr Kinder kamen zu mir und setzen sich um mich herum. Und dann kamen auch noch die Erwachsenen, setzten sich dazu und lauschten der Geschichte. Das war irgendwie magisch. 

 

Gibt es Schwierigkeiten oder gab es sie am Anfang und hast Du vielleicht Tipps, wie man damit umgeht? 

 Es gibt immer wieder Kinder, die unruhig sind und sich bewegen müssen. Es kommt immer ganz individuell drauf an, wie ich damit umgehe. 
Manchmal hilft schon eine direkte Ansprache oder eine Frage, ob es ein Problem gibt, manchmal braucht das Kind eine Aufgabe und gelegentlich muss man einfach mit seinem Programm weitermachen.
Meist achten die LehrerInnen schon drauf, dass die kleinen Störenfriede nicht unbedingt auf einem Haufen sitzen. 
Wenn ich merke, dass die Kinder nicht lange zuhören können, erzähle ich ein bisschen, stelle ihnen Fragen und integriere sie in die Geschichte, dann klappt das schon. 
Wenn ich dann ihre Aufmerksamkeit wieder habe, lese ich weiter. Das ist wie ein Spiel. 
 
Generell mache ich das so: je kleiner die Kinder sind, umso mehr frage ich und erzähle zwischendurch. Ich zeige Illustrationen, z. B. eine Karte von der Süßsee, wo die Giraffenaffen leben und stelle Fragen.
Bei älteren Kindern lese ich dann längere Passagen. Aber auch da bauen ich Momente ein, wo alle gemeinsam z.B. bei den Mafflies das Gurkenglas wegschieben, um zu schauen, was sich dahinter verbirgt. 

 

Was denkst Du als Autorin, was Bücher Kindern geben können? 

Bücher sind total wichtig für die Entwicklung der Kinder. Bücher regen die Fantasie an und liefern Handlungsmodelle. In jeder Geschichte gibt es ein Problem und einen Weg zu einer Lösung. 

Und auch die Identifikation mit anderen Charakteren sorgt für mehr Verständnis, Empathie und Toleranz. 
Wenn man erstmal einen Zugang gefunden hat, macht es unglaublich viel Spaß, guten Geschichten zu begegnen und in fremde Welten zu reisen. 
Bücher haben eine ganz andere Qualität als Filme. Da kann der Film im Kopf ablaufen. Aber das muss man auch ein bisschen trainieren.
Je früher man einen Zugang zu Büchern hat, umso besser. Für Babys sind Fühlbücher gut geeignet, dann Pappbilderbücher mit Klappen und schließlich Bilderbücher, wo man viel entdecken kann und Dinge verfolgen kann.
Ich bin mir sicher, dass es für jeden Menschen das richtige Buch gibt, das ihn da abholt, wo er sich gerade befindet.
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Du hast im Rahmen Deiner Lesereise, fast täglich zwei Lesungen. Abgesehen von emotionalen Herausforderung, wie hält Deine Stimme das durch? Mir beibt häufig schon nach der zweiten Gruppe in einer Woche nur noch ein heiseres Krächtzen. Hast Du eine bestimmte Atem- oder Sprachtechnik oder andere Tricks, damit Du „gut bei Stimme“ bleibst?

 Ich habe eine Gesangsausbildung und hatte auch einige Sprechtrainingsstunden.

Vor den Lesungen mache ich kleine Warm-up-Übungen, ich singe  Dreiklängen (mit Septime), summe viel … 
wo-wo-wo-wo-wo-wo-wo
mo-bo-do-so-mo-bo
mo-ba-do-sa-mo-ba
usw.
von ganz tief bis ganz hoch und zurück, einfach, dass die Stimme warm ist – das ist wichtig, gerade wenn man mit verschiedenen Stimmen spricht.
Ein paar kleine Übungen reichen schon und bringen eine Menge.
Auch nach der Lesung summe ich ein wenig. Da dann die Stimme komplett offen ist und manchmal etwas anfällig. Es ist auch wichtig, dass man richtig in die Flanken atmet.
Und vor einer Lesung würde ich keine Milchprodukte zu mir nehmen, die verschleimen nur. Lieber Salbeitee 🙂
Ansonsten empfehle ich Cystus 52 bei drohender Erkältung. Das war ein Tipp von meiner Dressler-Verlegerin Julia Bielenberg. Und bei Problemen mit der Stimme schwören die meisten SängerInnen auf Gelo-Revoice.
Das legt einen wohltuenden Film auf den Rachen und Stimmbänder.
Aber der wichtigste Tipp von mir ist wirklich das Summen. Da kann man nicht viel falsch machen und es tut der Stimme sehr gut.
 
Vielen Dank, für diese wunderbaren Antworten, liebe Cally!
Und wenn Ihr jetzt neugierig geworden seid und die zauberhafte Cally mal lesen sehen möchtet, könnt Ihr Euch hier ein Video ansehen oder auf ihrem Blog nachschauen, wann sie bei Euch in der Nähe live liest.

#ichlesevor – 18.11.2016

Ihr Lieben, Ihr wisst, dass ich jedes Jahr zum Vorlesetag dazu aufrufe, bei der Aktion #ichlesevor mitzumachen. Hier könnt Ihr mehr dazu lesen. In den letzten Jahren kamen zu #ichlesevor ganz wundervolle, liebevolle und inspirirende Beiträge.

Dieses Jahr bin ganz schön spät dran, aber es ist ja meine Aktion und ich definiere jetzt einfach um, von „vor dem Vorkesetag“ auf „um den Vorlestag herum“! Also her mit Euren Tweets, Vorschlägen, Konzepten, Fotos. Wann lest Ihr vor, wem. Macht Euch das Spaß oder überwindet Ihr Euch, weil ihr es wichtig findet? Falls Ihr schon mal mitgemacht habt, hat sich seit Eurem letzten Post etwas verändert?

Ich freue mich über jeden Tweet, jeden Kommentar und jeden Blogbeitrag zum Thema, denn ich möchte die Wichtigkeit des Vorlesens sichtbarer machen.

Auf geht´s!